Es gab z.B. kein WC in der Zelle, sondern noch die Kübel für die Notdurft. Doch das hatte auch Vorteile: unser heimlicher Besitz von Bibelblättern oder Wachtturm-Seiten wurde fein ´säuberlich ´ in den Zwischenwänden des Kübels versteckt und kaum bei Kontrollen gefunden. Vor allem aber war die große Anzahl der Brüder im Waldheimer Gefängnis eine Ermunterung und es entstanden Freundschaften, die wir nie vergessen werden. So gesehen, war die Haft eine Bereicherung für mich.11

In Waldheim stieß er auch auf den späteren hochrangigen Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) Dieter Pape, der zu dieser Zeit noch Zeuge Jehovas war, aber 1956 aufgrund einer Verpflichtungserklärung mit dem MfS vorzeitig frei kam.12 Er habe oft mit Dieter Pape diskutiert, sagte Werner Jahre später und seine „impulsive Art“ sei ihm im Gedächtnis geblieben. „Später“ schrieb Werner „wurde er von den Brüdern getrennt, genoss aber keinen guten Ruf unter den Häftlingen, da man ahnte, dass er für die Polizei arbeitete“.13 Pape war seit dieser Zeit bis zum Jahre 1989 als IM des MfS aktiv und spielte eine wesentliche Rolle in der Zersetzungsarbeit der Stasi gegen Zeugen Jehovas in der DDR und im Ausland.

Am 10. Juni 1954 wurde Werner in das Arbeitslager in Berlin-Hohenschönhausen verlegt. Hier genossen die inhaftierten Zeugen Jehovas offenbar relative Freiheiten und konnten regen Kontakt untereinander pflegen. In Berlin-Hohenschönhausen blieb Werner Geyer bis zum 28. August 1957. Am 29. August 1957 kam er nach Berlin-Rummelsburg und wurde schließlich am 10. September 1957 vorzeitig entlassen.

Schon am 10. Dezember 1956 hatte die Staatsanwaltschaft Leipzig aufgrund eines Gnadenerlasses des Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, die Herabsetzung der Strafe für mehrere Zeugen Jehovas vorgeschlagen und verfügt. Auch Werner Geyers Haftstrafe wurde auf sechs Jahre reduziert. In der Begründung der Staatsanwaltschaft hieß es dazu, man sei mittlerweile der Meinung, dass „das Urteil unter Berücksichtigung der heutigen Strafpolitik zu hart bemessen ist“14. Offenbar hatte die Tauwetterperiode in der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow, des Nachfolgers Josef Stalins, auch Auswirkungen in den Satellitenstaaten der Sowjetunion auf die Strafpraxis bei Zeugen Jehovas.

Unabhängig davon stellte Werners Vater, Richard Geyer, durch einen Rechtsanwalt mehrere Gesuche um Strafaussetzung für seinen Sohn. Der erste Antrag, datiert vom 15. November 195615, somit wenige Wochen vor dem Gnadenentscheid des Präsidenten, über den Richard Geyer erst Mitte Februar 1957 informiert wurde. Auch hier argumentierte der Anwalt, dass Werner „unter den heute geltenden Rechtsgrundsätzen keinesfalls mit einer so harten Strafe belegt“ worden wäre. Hinzu komme, dass das Verhalten des Verurteilten in der Haft „tadellos“ sei. Die daraufhin erfolgte Anfrage der Staatsanwaltschaft bei der Strafvollzugsanstalt in Berlin ergab, dass die Anstaltsleitung in einer kurzen Stellungnahme die Führung Werner Geyers als „gut“ beurteile und er sich „korrekt und diszipliniert" verhalte, er sogar schon zweimal mit

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11 Werner Geyer, „Bericht über meine Haftzeit“ vom 29. März 1998, unveröffentlichtes Manuskript, dem Autor vorliegend.
12 Siehe hierzu: Waldemar Hirch, Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur…, Dieter Pape (IM“ Wilhelm“), S. 293 ff., Frankfurt/M. 2003
13 Werner Geyer, „Bericht über Kontakte zu Dieter Pape in Waldheim“, 7. Juni 1998, unveröffentlichtes Manuskript, dem Autor vorliegend.
14 BStU, MfS-HA XX/4, Ast. Leipzig, AU 92/53, Der Staatsanwalt des Bezirkes Leipzig, Abt. I, an die Gnadenkommission des Bezirkes Leipzig vom 10. 12. 1956, Bl. 116.
15 BStU, MfS-HA XX/4, Ast. Leipzig, AU 92/53, „Gesuch um bedingte Strafaussetzung“ vom 15. 11. 1956, Bl. 3 ff.