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I. 3. 0. Das Staats-, Neutralitäts- und Glaubensverständnis der Zeugen Jehovas

I. 3. 1. Missionstätigkeit und Glaubensansichten

Die Missionstätigkeit spielte bei der Zugehörigkeit zu Jehovas Zeugen schon immer eine tragende Rolle. Ein passives, nur dem Namen nach zugehöriges Mitglied wird aufgrund eines aktiven Glaubensverständnisses nicht als Zeuge Jehovas für die interne Statistik gezählt. Die Erwachsenentaufe, der Missionsdienst, das Einhalten der christlichen Gebote und die Teilnahme am Gemeindegeschehen sind Kriterien für die Zugehörigkeit als Zeuge Jehovas.

Es gibt keine Kleinkindertaufe, da nach Auffassung der Zeugen Jehovas, ein wichtiges Kriterium für die Taufe, die persönliche bewußte Entscheidung und der Entschluß, Christ sein zu wollen, ist. Es werden keine Mitgliedsbeiträge erhoben. Die entstehenden Kosten werden durch freiwillige Spenden gedeckt. Seit Beginn der 90er Jahre wird auch die Literatur in Deutschland kostenfrei abgegeben. Jehovas Zeugen fühlen sich als "ideelle Gemeinschaft", die durch ihren gemeinsamen Glauben verbunden ist.84 Sie gehören zu den chiliastischen Gemeinschaften85, das heißt, sie erwarten das in der Johannes-Offenbarung angekündigte tausendjährige Friedensreich Christi. Die Auswirkungen dieses messianischen Reiches werden zur Herstellung der menschlichen Vollkommenheit führen und Tod, Krankheit, Haß und Elend für immer beseitigen.86 Menschen, die verstarben, werden auferweckt und die Möglichkeit erhalten, in diesem Reich zur physischen und psychischen Vollkommenheit geführt zu werden. Vor der Aufrichtung des Friedensreiches wird Gott in das Geschehen der Menschheit eingreifen und eine "Reinigung" der Erde ("Ende der Welt", "Harmagedon") von allem Bösen veranlassen.87

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Insofern ist die Lehre vom Ende der Welt und die darauf folgende Umgestaltung der Erde in ein Paradies ein wesentlicher Glaubensbestandteil. Dieses grundlegende Ereignis erwarten Jehovas Zeugen nicht in ferner, sondern in mittelbarer Zukunft. Die Gewißheit, in den "letzten Tagen" zu leben, und die feste Überzeugung, den wahren Glauben gefunden zu haben, prägt ihren Glaubenseifer.88 Bei der Missionstätigkeit werden Menschen deshalb zur Umkehr zu Gott aufgefordert, um ebenfalls in dieses Friedensreich zu kommen.

Anders als in den christlichen Kirchen glauben Jehovas Zeugen nicht daran, daß die "guten Menschen" in den Himmel kommen, alle "schlechten Menschen" in die Hölle. Für sie ist der Tod ein Zustand der Nichtexistenz. Die Seele ist sterblich. Nur durch eine Auferstehung der Toten durch Gott können Menschen wieder zum Leben kommen. Diejenigen die Gott von den Toten "auferweckt", werden gemeinsam mit denen, die "Harmagedon" überleben, die Erde in ein Paradies umgestalten. Es werden nur diejenigen auferstehen, die Gott gedient haben, bzw. solche, die noch keine Gelegenheit hatten ihn kennenzulernen und sich deshalb nicht zu ihm bekennen konnten. In "Harmagedon" der universellen Entscheidungsschlacht wird Gott (Jehova) den Teufel mitsamt allem Übel auf dieser Erde, böse Menschen, aber auch alle Regierungen und falsche Religionen vernichten.

Eine begrenzte Zahl von 144.000 auserwählten Christen soll in den Himmel kommen und dort gemeinsam mit Christus, dem Sohn Gottes, für 1.000 Jahre über die Erde regieren. Menschen werden während dieser eintausend Jahre dauernden Herrschaft in den Zustand der Vollkommenheit gebracht.

Die Missionstätigkeit und überhaupt jede Tätigkeit in der Gemeinschaft ist freiwillig und erfolgt aus Nächstenliebe. Aber auch aus dem Verständnis heraus in den letzten Tagen dieser Welt zu leben und Menschen zu retten.

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Es gibt verschiedene Methoden des Missionsdienstes. Da wäre zum einen der "Haus-zu-Haus" Dienst zu nennen. Auf diesem Weg werden im Laufe der Zeit sehr viele Menschen angesprochen, da systematisch alle Gebiete einer Stadt oder eines Landkreises bearbeitet werden. Eine weitere Predigtdienstmethode ist der "Straßendienst". Hierbei werden Gespräche geführt und die neuesten Publikationen öffentlich angeboten. Das "informelle Zeugnisgeben" wiederum sagt aus, daß zu allen günstigen Gelegenheiten die Möglichkeit genutzt werden sollte, über die biblische Botschaft zu sprechen. Ist Interesse an weiteren biblischen Gesprächen vorhanden, können "Rückbesuche" durchgeführt werden, das heißt, es werden weitere Termine für biblische Gespräche vereinbart. Daraus kann ein "Heimbibelstudium" entstehen, bei dem eine systematische Bibelbetrachtung durchgeführt wird. Als Resultat einer solchen Bibelbetrachtung, die etwa ein bis drei Jahre in Anspruch nimmt, kann der Studierende die Taufe erwägen, d. h. die Entscheidung treffen, ein Zeuge Jehovas zu werden.

Die meisten Zeugen Jehovas sind nicht hauptamtlich in der Religionsgemeinschaft tätig. Sie üben ihre Missionstätigkeit in ihrer Freizeit aus. Im Durchschnitt stehen die Prediger etwa 8-10 Stunden pro Monat im Verkündigungsdienst. Hinzu kommen drei Zusammenkünfte pro Woche in der Gemeinde. Bei diesen Zusammenkünften wird an einem Tag, meist am Sonntag, ein öffentlicher Vortrag (50 Minuten) gehalten und ein Bibelstudium anhand der Zeitschrift "Der Wachtturm" (1 Stunde) mit Zuhörerbeteiligung durchgeführt. An einem weiteren Abend findet die "Theokratische Predigtdienstschule" (50 Minuten) und die "Dienstzusammenkunft" (50 Minuten) statt. Hier findet eine kontinuierliche Weiterbildung der Verkündiger im Missionsdienst statt. Weiterhin gibt es das "Versammlungsbuchstudium" (1 Stunde). In einem kleinen Kreis von 5 bis 15 Personen wird eine biblische Publikation behandelt.

Eine Versammlung oder Gemeinde besteht aus etwa 50 bis 150 Personen. Unter den Predigern zeichnen sich besonders diejenigen aus, die vermehrten Predigtdienst durchführen. Sie werden Pioniere und Hilfspioniere genannt. Sie verpflichten sich, 70 (bis 1999 - 90, bis 1977 - 100) Stunden bzw. 50 (bis 1999 - 60, bis 1977 - 75) Stunden pro Monat im Verkündigungsdienst tätig zu sein. Sie haben hiervon keinerlei materielle Vorteile, sondern sehen diesen Dienst als ihre

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persönliche Aufgabe an, der sie sich freiwillig, als Dienst für Gott und dem Nächsten, widmen wollen.

Jehovas Zeugen werden nicht in Laien und Geistliche unterteilt. Sie sind alle Prediger. Dennoch gibt es verschiedene Kompetenzen und Aufgabenverteilungen. Letztendlich treffen die Versammlungsältesten die Entscheidungen, die die Versammlung betreffen. Diese Entscheidungen sollten mit den Vorgaben der Bibel übereinstimmen. Ihnen zur Seite gestellt sind die Dienstamtgehilfen, die Hilfsaufgaben verrichten, z. B. für die Verteilung der Zeitschriften und Bücher an die einzelnen Verkündiger verantwortlich sind oder den Ordnungsplan einer Versammlung organisieren. Auch sie haben eine Vorbildfunktion. Bei Verstößen gegen christliche Grundsätze behält sich die geistlige Führung der jeweiligen Gemeinde Disziplinarmaßnahmen vor. Diese können bis zum formalen Ausschluss führen.

Jede Versammlung wird im Turnus eines halben Jahres von einem hauptamtlichen "Kreisaufseher" besucht, der im Auftrag der Wachtturmgesellschaft zu den einzelnen Versammlungen kommt, Vorträge hält, den Missionsdienst unterstützt und die Versammlungen in allen Angelegenheiten berät. Ihm übergeordnet ist der "Bezirksaufseher", der für einen Bezirk verantwortlich ist. Ein solcher Bezirk besteht aus etwa 20 Kreisen. Er wiederum untersteht dem "Zweigkomitee" eines Landes, das sich aus mehreren Personen zusammensetzt. Dieses Zweigkomitee wird im regelmäßigen Turnus von einem "Zonenaufseher" besucht, der die direkte Verbindung zum obersten Leitungsgremium der Zeugen Jehovas, der "leitenden Körperschaft", unterhält. Die "leitende Körperschaft", besteht aus etwa 11-18 Männern. Dieses Gremium ist unter anderem für die Bibelauslegung verantwortlich.

Das Zweigbüro eines Landes kann aus einigen wenigen, aber auch aus hunderten von Mitarbeitern bestehen (Zweigbüro für Deutschland in Selters/Taunus hat ca. 1.100 Mitarbeiter). Alle erhalten ein Taschengeld in gleicher Höhe, sowie freie Unterkunft und Verpflegung, unabhängig von der Art ihrer Tätigkeit.

Dreimal im Jahr werden Kongresse durchgeführt. Es findet ein "Tagessonderkongreß" statt, ein zweitägiger "Kreiskongreß" und jeweils im Sommer ein "Bezirkskongreß". Beim Kreis- und Tagessonderkongreß werden die Versammlungen eines Kreises 2eingeladen. Zum größeren Bezirkskongreß kommen die Versammlungen der

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verschiedenen Kreise, die einen Bezirk bilden.89 Auf diesen Kongressen werden biblische Vorträge gehalten, Schulungen durchgeführt und kleine Theatersstücke aufgeführt, um die Gläubigen in ihren Aktivitäten zu motivieren.

Die Rechtsform der Zeugen Jehovas ist [bei Abfassung des Manuskripts] nach dem Vereinsrecht § 21 BGB (Nichtwirtschaftlicher Verein) geregelt.

Grenzen des Gehorsams oder ist die Staatsloyalität grenzenlos?

Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet.90

Wie, wenn ein Fürst Unrecht hätte, ist ihm sein Volk auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein. Denn gegen das Recht gebührt niemand zu tun; sondern man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5, 29).91

Der Bibelvers aus dem Römerbrief des Paulus und die oben zitierten Worte Martin Luthers kennzeichnen das Verhaltensmuster der Zeugen Jehovas gegenüber dem Staat. Der Gehorsam, der dem Staat (der weltlichen Obrigkeit) geschuldet wird, ist nie absolut, sondern immer auf die Gesetze Gottes hin zu überprüfen. Der Staat ist somit nicht die einzige Autorität, der sich ein Christ zu fügen hat. Sollten die Anweisungen eines Staates mit den Anweisungen Gottes, die in der Bibel niedergeschrieben wurden, kollidieren, tritt der Loyalitätsanspruch des Staates hinter die Gesetze Gottes zurück. Die Autorität Gottes ist der des Staates übergeordnet.

So wie das Bundesrecht Landesrecht aufheben oder einschränken kann, ihm somit übergeordnet ist, so hat das Gesetz Gottes für einen Christen Priorität. Es ist die höchste Autorität im Leben eines Zeugen Jehovas.

Jehovas Zeugen achten die Gesetze eines Landes und sind gesetzestreu. Grundsätzlich haben sie durchaus ein positives Staatsverständnis, da sie die Aussage des Paulus ernst nehmen, daß Regierungen von Gott „angeordnet“ sind. Diese bestehen, ihrer Überzeugung nach, mit Gottes Zulassung.

Deshalb nehmen sie sich nicht das Recht heraus, gegen einen Staat oder seine Repräsentanten vorzugehen oder an deren Sturz teilzunehmen. Allerdings werden sie, wenn ein „Fürst“ sich gegen die Menschen wendet und damit zwangsläufig Gottes Gesetze übertritt, ihm nicht „folgen“.

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Diese „Fürsten“ oder Regierungen sollten erkennen, daß auch sie der höheren Instanz, Gott, untergeordnet sind. In einer offiziellen Stellungnahme zu diesem Punkt heißt es:

Die Unterordnung des Christen unter die Obrigkeit ist eine relative Unterordnung, denn sowohl die Obrigkeit als auch der Christ sind vor Gott, der die Obrigkeit angeordnet hat, verantwortlich“.

Die Aussage in der vom Evangelisten Lukas verfaßten Apostelgeschichte 5:29, daß Christen den Gesetzen Gottes mehr gehorchen müssen als den Befehlen von Menschen (auch wenn diese staatliche Autorität haben), wird von Jehovas Zeugen konsequent befolgt und zieht sich durch ihre gesamte Geschichte. Das hat dazu geführt, daß sie besonders von diktatorischen Regimen verfolgt und mißhandelt wurden, da diese Regime nicht bereit waren, ihre Haltung zu respektieren.

Obwohl die Haltung der Zeugen Jehovas in diesen politischen Systemen unter den Begriff „Widerstand“ fällt, da sie einer für sie nicht akzeptablen Anordnung aus

Gewissensgründen „widerstehen“, und den vom Staat durch deren Repräsentanten geäußerten Befehlen in Ausnahmefällen nicht gehorchen, kann der Widerstand der Zeugen Jehovas nur bedingt unter den Begriff „politischer Widerstand“ subsumiert werden. Ihr Widerstand wird von dem Anspruch getragen, Gott nicht ungehorsam zu sein, seine Gebote nicht zu übertreten. Hierin ist auch die Ursache für ihre politische Abstinenz zu sehen. Ihre christlich motivierte „politische Neutralität“ , die in „jedem

Land der Erde“ beachtet wird, basiert auf der Überzeugung, nicht zwei „Herrschern“ gleichzeitig völlig untertan sein zu können.93 Da sie aber bereits Gott gegenüber verpflichtet sind, ist es nicht möglich, eine zweite völlige Unterordnung einzugehen. Wie Jesus sich ausdrückte, kann man nicht ein Diener zweier Herren sein. Somit kann der Gehorsam der Zeugen Jehovas unter den Staat immer nur „relativ“ sein.94

Der Begriff Neutralität wird von Zeugen Jehovas wie folgt definiert:

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Die Haltung von Personen, die einem Streit zwischen zwei oder mehr Parteien fernbleiben bzw. keine der streitenden Parteien unterstützen. Sowohl die alte als auch die neuere Geschichte zeigt, daß wahre Christen überall und unter allen Umständen bemüht waren, sich gegenüber den Auseinandersetzungen zwischen Parteien dieser Welt absolut neutral zu verhalten. Sie hindern andere nicht, an patriotischen Zeremonien teilzunehmen, Kriegsdienst zu leisten, einer politischen Partei beizutreten, für ein politisches Amt zu kandidieren oder zur Wahl zu gehen. Sie selbst jedoch beten allein Jehova, den Gott der Bibel, an; sie haben sich ihm rückhaltlos hingegeben und unterstützen sein Königreich voll und ganz.95

Sie „zahlen Cäsars Dinge Cäsar zurück, Gottes Dinge aber Gott“, wie es im Markus-Evangelium heißt. Aus diesem Grund waren sie nicht bereit während des „Dritten Reiches“ in die NS-Organisationen einzutreten, den „Deutschen Gruß“ zu entbieten, an Aufmärschen teilzunehmen oder den Wehrdienst auszuführen.96

In der DDR wurden sie wegen ihrer Haltung verboten und verfolgt. Auch hier waren Jehovas Zeugen nicht in den sozialistischen Massenorganisationen zu finden, verweigerten den Wehrdienst und gingen nicht

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zur Wahl97. Sie wurden wegen der nicht völligen Unterordnung unter den Staat als „staatsfeindlich“ geächtet. Man handelte in der DDR nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, oder wer nicht sozialistisch ist, der muß unser Feind sein.

Das war in der DDR nicht wesentlich anders als im „Dritten Reich“. Zwar waren die Auswirkungen nicht vergleichbar, zumal in den siebziger und achziger Jahren keine offene Verfolgung mehr in der DDR stattfand, aber das Prinzip der Unterdrückung Andersdenkender, gleichgültig, ob politisch oder religiös bedingt, hatte sich nicht grundsätzlich geändert.98

Doch Jehovas Zeugen ließen sich ihre Predigttätigkeit, zu der sie von Christus, nach Matthäus Kapitel 28, Verse 19, 20, verpflichtet wurden,

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nicht von einem weltlichen Staat verbieten.99 Hier traf wieder der Grundsatz Gott mehr zu gehorchen als den Menschen zu. Dies betraf alle mit der Predigttätigkeit und dem Gottesdienst verbundenen Aspekte. So wurde trotz des Verbots illegal Literatur eingeführt, es wurden Versammlungen abgehalten, die für den Druck der Literatur und für Versammlungsangelegenheiten benötigten Spendengelder eingesammelt und der öffentliche Predigtdienst durchgeführt. Für diese ihnen übertragene christliche Aufgabe nahmen sie auch Haft- oder Geldstrafen in Kauf.

Auch in freiheitlichen, demokratischen Ländern werden die politischen Ansichten der Zeugen Jehovas mit Argwohn betrachtet. Zwar ist hier das Grundrecht der Glaubensfreiheit gegeben und Jehovas Zeugen sind dankbar für die uneingeschränkte Möglichkeit, ihren Glauben praktizieren zu können, doch was auf Mißverständnisse stößt, ist auch hier die Verweigerung des vollen Einsatzes für den Staat. Dies drückt sich z. B. in ihrer Gewissensentscheidung aus, nicht an politischen Wahlen teilzunehmen, einen Fahnengruß oder -eid zu leisten oder sich in politische Ämter wählen zu lassen.100 Auch hier spielt die „Unterwerfung“ unter Gott eine entscheidende Rolle. Im Lexikon „Einsichten über die Heilige Schrift“ wird unter dem Begriff „Obrigkeitliche Gewalten“ zu diesem Punkt gesagt:

Da die Regierungen wertvolle Dienste leisten, indem sie für Schutz und Sicherheit sowie die materielle Wohlfahrt ihrer Bürger sorgen, haben sie das Recht, als Gegenleistung für ihre Dienste Steuern und Abgaben zu verlangen. Sie können als ‚Gottes öffentliche Diener“ bezeichnet werden, weil sie nutzbringende Dienste leisten. (Röm.: 13:6, 7).‘ ... Wenn eine Regierung ihren Aufgaben in der rechten Weise nachkommt, ziehen oft alle Nutzen daraus. Zu diesen Aufgaben gehören die Aufrechterhaltung eines Rechtssystems, das dafür da ist, daß Personen zu ihrem Recht kommen, ferner Schutz vor Verbrechern, vor Pöbelaktionen usw.101

Dennoch denken die Zeugen Jehovas eher universalistisch und ihre Glaubensbrüder sind ihnen in jedem Land der Erde ebenso teuer wie im eigenen. Sie unterstützen den Staat auch durch das Zahlen von Steuernund das Einhalten der Gesetze, sind friedfertig und dankbar für den Staat

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als Ordnungsmacht 102. Allerdings sind sie in erster Linie ein persönliches Verhältnis mit Gott eingegangen, haben die Wahl ihres Herrschers oderihrer Regierung bereits getroffen und warten auf deren Etablierung. Sie haben sich somit das Königreich oder das Reich Gottes „erwählt“. Deshalbfühlen sie sich auch eher als „Fremdlinge“ in dieser Welt und handeln nach dem von Christus genannten Grundsatz, „kein Teil der Welt zu sein“ 103. Diese grundsätzliche Ansicht der „Fremdlingschaft“ kommt in den Aussagen des Bibelschreibers Petrus zum Tragen und das kennzeichnet die Ansichten der Zeugen Jehovas:

„Meine Freunde, ihr seid Gäste und Fremde in dieser Welt. Deshalb mahneich euch: Gebt euren Leidenschaften nicht nach, die euer inneres Leben in Gefahr bringen. Euer Verhalten unter den Ungläubigen muß einwandfrei sein. Sie, die euch alles mögliche Böse nachsagen, sollen eure guten Taten sehen können. Vielleicht wird ihnen Gott dadurch die Augen öffnen, so daß sie ihm die Ehre geben. Fügt euch dem Herrn zuliebe jeder menschlichen Ordnung. Gehorcht dem Kaiser, der an höchster Stelle steht. Gehorcht auch seinen Vertretern, die von ihm eingesetzt worden sind, um die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu loben. Gott will, daß ihr das dumme Gerede der unverständigen Menschen durch eure guten Taten zum Schweigen bringt. Durch Christus seid ihr frei; aber benutzt eure Freiheit nicht, um unrechtes Handeln damit zu rechtfertigen. Denkt vielmehr daran, daß ihr eure Freiheit als Menschen habt, über deren Leben Gott verfügt. Achtet alle Menschen. Liebt eure Glaubensbrüder. Fürchtet Gott und ehrt den Kaiser.“104

Jehovas Zeugen sind aus diesem oben zitierten Grund dem Staat nichtfeindlich gesinnt, sondern, ganz im Gegenteil, auf ein gutes Verhältnis mit dem Staat bedacht. Sie sind keine Revolutionäre. Hier kommt der Grundsatz der Neutralität zum Ausdruck. Man will sich als „Fremdling“ oder „Gesandter“ nicht in die politischen und militärischen Auseinandersetzungen dieser Welt hineinziehen lassen. Trotz der Nichteinmischung in die politischen Angelegenheiten eines Landes fühlen sich Jehovas Zeugen durchaus verantwortlich dafür, öffentlich die Untaten eines Unrechtsstaates bloßzustellen. So wurden in der Literatur der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus

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immer wieder die Verbrechen der Nazis angeprangert und weltweit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. existiert eine Sammlung aller Artikel und Hinweise, die in den Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet“ der Zeugen Jehovas über die in der Zeit des Nationalsozialismus registrierten Verbrechen und Vergehen veröffentlicht wurden. Über das Thema „Antisemitismus“ wurde allein in diesen beiden Zeitschriften 145mal berichtet, über ungerechtfertigte Verhaftungen und Folter durch die Nazis in den Zeitschriften und Jahrbüchern der Zeugen Jehovas 62mal, die Konzentrationlager und die dortigen Haftbedingungen 63mal, die aktive Unterstützung des Nationalsozialismus durch Kirchenvertreter 30mal und über die aktive Beteiligung von Kirchenvertretern an der Verfolgung der Zeugen Jehovas immerhin noch 24mal. 105In dem von Zeugen Jehovas herausgegebenen Buch „Kreuzzug gegen das Christentum“ aus dem Jahre 1938 wurden die Verhandlungsmethoden und Verbrechen der Nazis detailliert aufgeführt und vorwiegend im deutschen und französischen Sprachraum verbreitet. 106

Das heißt, der Neutralitätsgedanke führt bei Zeugen Jehovas nicht so weit, daß sie bei von einem Staat begangenem Unrecht wegschauen. Der Vorwurf, der Jehovas Zeugen im SED-Staat besonders von seiten des MfS gemacht wurde, war, daß sie in negativer Form über den Kommunismus berichten und somit ihre politische Neutralität verletzen würden. 107

Dieser Vorwurf ist deshalb falsch, weil sich Jehovas Zeugen die Freiheit der Aufklärung und der freien Meinungsäußerung vorbehalten, ohne damit ihre Neutralität zu verletzen. Diese Freiheiten haben sich Jehovas Zeugen genommen, besonders wenn religiöse Interessen betroffen waren. Die Einstellung zur Neutralität darf schließlich nicht so weit führen, daß man bei Unrecht die Augen verschließt und die in Diktaturen in Not geratenen eigenen Glaubensbrüder übersieht. So wurde z. B. im Jahre 1956 auf von Jehovas Zeugen abgehaltenen Bezirkskongressen eine Petition vorgelesen, die über die „erbärmliche Behandlung der Zeugen Jehovas in Rußland“ unterrichtete. 108 Diese Petition war an Nikolai A. Bulganin, den damaligen Ministerpräsidenten der UdSSR, gerichtet worden. In dieser Petition stand, daß man durch Heimkehrer und durch verschiedene Presseartikel über die

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Lage der Zeugen Jehovas unterrichtet sei, mit Jehovas Zeugen würde in menschenunwürdiger Weise umgegangen, eine ganze Anzahl Menschen sei schon durch Unterernährung in Sibirien gestorben. Diese menschenunwürdige Behandlung müsse ein Ende nehmen. Man machte sogar den Vorschlag, daß sich Vertreter der Zeugen Jehovas mit Vertretern der russischen Regierung zusammensetzen könnten, um zu besprechen, wie es im Rahmen des Machbaren möglich wäre, die Lage der russischen Zeugen Jehovas zu erleichtern. In der Zwischenzeit könnten sie nicht mehr tun, „als die Welt über die in russischen Gefängnissen, Straflagern und Deportationszentren weilenden Zeugen Jehovas zu unterrichten, da wir es ihnen als unseren Freunden und Glaubensbrüdern schuldig sind, die Welt über ihre Lage aufzuklären“ 109. Über diese Petition wurde allein in den USA in 1.500 Zeitungen berichtet. 110

Wehrdienstverweigerung der Zeugen Jehovas in der DDR

Ab dem Frühjahr 1952 hatte in der Tätigkeit der FDJ die Werbung für die militärische Aufrüstung einen hohen Stellenwert erhalten. Im August 1952 war die „Gesellschaft für Sport und Technik“ gegründet

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worden, die maßgeblich an der vormilitärischen Ausbildung Jugendlicher beteiligt war. Die ebenfalls im Sommer 1952 gegründete Organisation „Dienst für Deutschland“ war eine paramilitärische Truppe, der bis zu 100.000 Jugendliche angehören sollten und die zur Aufgabe hatte, die Infrastruktur für einen möglichen Einsatz der Streitkräfte auszubauen.111 Nach Abschluß des Vertrages zwischen der DDR und der Sowjetunion am 20. September1955, durch den die DDR ein souveräner Staat wurde, war auch deren Aufgabe, zur militärischen Sicherung des Kommunismus beizutragen, festgelegt.112 Nachdem die „versteckte Aufrüstung“, auch durch die Existenzder verfügbaren Kasernierten Volkspolizei (KVP), bereits im vollen Gange war, wurde am 18. Januar 1956 das Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums für Verteidigung beschlossen.113Diesem Gesetz folgte am 24. Januar 1962 das von der Volkskammer beschlossene „Gesetz über die Allgemeine Wehrpflicht“. Ab diesem Zeitpunkt wurde natürlich auch von Zeugen Jehovas verlangt, den Wehrdienst zu leisten. Schon in den Jahren zuvor versuchte man, Druck auf junge Zeugen Jehovas auszuüben, um sie zu veranlassen, zur Kasernierten Volkspolizei zu gehen.114

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Durch die „Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der Deutschen Demokratischen Republik über die Aufstellung von Baueinheiten im Bereich des Ministeriums für Nationale Verteidigung“ wurde die Möglichkeit zum Ersatzdienst als sogenannte „Bausoldaten“ geschaffen. Doch auch dieser Dienst kam für Jehovas Zeugen nicht in Betracht. Die Gründe für die ablehnende Haltung waren für sie in der Anordnung selbst zu lesen. Dort hieß es, daß zu den Aufgaben der Baueinheiten der „Ausbau von Verteidigungs- und sonstigen militärischen Anlagen“ gehöre. Der Einsatz erfolge „durch den Minister für Nationale Verteidigung oder die von ihm dazu Beauftragten“. Die Bausoldaten brauchten zwar keinen Fahneneid zu leisten, doch wurden sie zu einem „Gelöbnis“ an die DDR- verpflichtet.115 Weitere Forderungen an die Bausoldaten waren beispielsweise die Absolvierung einer „staatspolitischen Schulung“, ebenso eine Schulung über „gesetzliche und militärische Bestimmungen“. Auch erhielten sie eine

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„Exerzierausbildung ohne Waffe“. Die Vorgesetzten der Bausoldaten waren „bewährte Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere“ der NVA. Die Rekruten mußten sich für die Verteidigung der DDR einsetzen und unterstanden direkt dem Verteidigungsministerium.

Die Wehrdienstverweigerung durch die Zeugen Jehovas führte regelmäßig zur Bestrafung mit Gefängnishaft. Die übliche Strafhöhe lag zwischen 18 und 22 Monaten.116 Bis zum August 1962 waren 31 Zeugen Jehovas wegen Militärdienstverweigerung verhaftet worden.117) Im November 1964 war es zu einer Verhaftungswelle

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gekommen, bei der 142 Zeugen Jehovas wegen ihrer Verweigerungshaltung inhaftiert und zwangsweise beim Gleisbau eingesetzt wurden.118Dies muß im Zusammenhang mit der Einführung der Bausoldateneinheiten im September 1964 gesehen werden. Eine Totalverweigerung war spätestens ab diesem Zeitpunkt für die DDRFührung völlig inakzeptabel. Im Jahre 1967 gab es, nach internen Informationen des MfS, 700 Zeugen Jehovas, die als Wehrdienstverweigerer in der DDR registriert waren.119 Insgesamt wurden zwischen Juli 1964 und dem 31. Dezember 1974 etwa 1.000 Zeugen Jehovas wegen Verweigerung des Wehrdienstes inhaftiert.120 Seit Beginn der 80er Jahre wurde eine durchgehende Strafhöhe von 18 Monaten ausgesprochen.

Daß die Totalverweigerung immer wieder zu großen Gewissenskonflikten bei den Einberufenen geführt hat, geht aus einem Einberufungsbescheid aus dem Jahre 1984 hervor:

Seit 13.06.1984 laufen in den WKK die Einberufungsüberprüfungen für Wehrpflichtige, die im Juli/August/ September 1984 gezogen werden undwo bekannt ist, daß sie aus ‚ZJ-Elternhäusern‘ stammen. ... Bisher wurden alle 26 Jugendliche[n] befragt, darunter die 10 Jugendlichen, die für 03. 07. 84 vorgesehen sind. In den Gesprächen erklärten sich 18 Jugendliche bereit, ihrer Wehrpflicht nachzukommen, darunter die 10 Juli-Kandidaten, die alle aus ‚ZJ-Elternhäusern‘ stammen“.121

Doch schon am am 5. Juli 1984 wurde über diese 10 Juli-Kandidaten geschrieben:

Nach Auskunft der NVA sind alle 10 Personen, die am 3.7.84 einberufen werden sollten, am festgelegten Ort erschienen und haben den Wehrdienst total verweigert. Es handelt sich um ‚Zeugen Jehovas‘. Sie wurden der Staatsanwaltschaft übergeben.122

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Daß nicht alle jungen Zeugen Jehovas, durch den psychischen Druck der Einberufung und aus Angst vor den zu erwartenden Konsequenzen, sogleich ihrer eigentlichen Überzeugung folgten und den Wehrdienst verweigerten, sondern zunächst ihre Bereitschaft signalisierten, Wehrdienst zu leisten, ist nicht unverständlich. Doch offensichtlich änderten sie relativ schnell ihre Haltung, nachdem sie die Einberufungsüberprüfung hinter sich hatten. In Verbindung mit ihrem Elternhaus, durch Gespräche mit anderen Gläubigen und durch eigenes Nachsinnen, nahmen sie wieder ihre ablehnende Haltung zum Wehrdienst ein. Dies wird in einer Information deutlich, in der das MfS zu den Einberufungen für 1984 Stellung nimmt. Dort heißt es:

Wie bereits vorinformiert, werden ab Monat Juli solche Bürger zum Wehrdienst einberufen, die bisher jede Form dieser staatsbürgerlichen Pflicht verweigerten. Hier handelt es sich vorrangig um ‚Zeugen Jehovas‘. Am 13. Juni 1984 erfolgt für sie die Einberufungsüberprüfung. Dann werden im Monat Juli 10, im August 20 und im September 30 dieser Wehrpflichtigen einberufen. Es ist damit zu rechnen, daß es bei allen zu einer gerichtlichen Reaktion und Verurteilung kommen wird.123

Die Wehrkreiskommandanturen hatte im Laufe der Jahrzehnte genügend Erfahrungen mit Jehovas Zeugen gesammelt, um zu wissen, daß zumindest für den größten Teil der Zeugen Jehovas ein Wehrdienst, ob mit oder ohne Waffe, nicht in Frage kam. Es gab aber auch jugendliche Zeugen Jehovas, die nicht total verweigerten und sogar bereit waren, den Wehrdienst zu leisten. Als Gründe für die Ableistung des Wehrdienstes wurden von ihnen genannt:

Keine geistige Bindung zum Elternhaus“, „Familiengründung, bzw. Eheschließung mit ‚Nicht-ZJ‘“, „durch eigene Erkenntnisse = Ablehnung der Glaubensdoktrin“, „eigene bzw. Entwicklung der Ehefrau und Stellung im gesellschaftlichen Leben und Arbeitskollektiv“ und „Weiterbildung“.124

Der Dienst als Bausoldat wurde ebenfalls von einigen jugendlichen Zeugen Jehovas geleistet.125 Auch hier haben ähnliche Gründe

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eine Rolle gespielt. Der Einberufungsbefehl wurde oft erst ausgesprochen, wenn die jungen Zeugen Jehovas schon verheiratet und das/die erste/n Kind/er geboren war/en. In dieser Situation fiel es dann besonders schwer, dem Einberufungsbefehl nicht nachzukommen und statt dessen eine Gefängnisstrafe zu verbüßen. In einer Aufstellung über die in den Strafanstalten der DDR wegen Wehrdienstverweigerung inhaftierten Zeugen Jehovas vom 1. Oktober 1985 wurde festgestellt, daß insgesamt 42 Zeugen Jehovas wegen dieses Deliktes in Gefängnissen einsaßen. Die meisten Inhaftierten befanden sich in Bitterfeld (11), Frankfurt/Oder (9) und Dresden (8). Die Höhe der Strafen war mit durchgängig einem Jahr und 8 Monaten ausgewiesen.126 Die Haftstrafen endeten im allgemeinen Mitte 1986. Ab dieser Zeit wurden keine Zeugen Jehovas mehr wegen

Wehrdienstverweigerung in der DDR inhaftiert. Bei schon im Vorfeld bekannten Fällen der totalen Wehrdienstverweigerung erfolgten meist keine Einberufungen mehr. Bei eingeleiteten Strafverfahren wegen Wehrdienstverweigerung sollte „weitgehende Großzügigkeit im Strafmaß angewandt“ werden. Bei Einberufungsverfügungen, denen nicht Folge geleistet wurde, reagierte der Staat nicht mehr. Dennoch gab es offiziell grundsätzlich weiterhin „keine Möglichkeit zur Totalverweigerung“.127

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Fußnoten:

84 Detlef Garbe, Zwischen Widerstand..., a.a.O., S. 59, Fußn. 63.
85 Vgl. Gabriele Yonan, Jehovas Zeugen Opfer unter..., a.a.O., S. 10ff.
86 Vgl. Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert, WTG, Selters/Ts. 1989, S. 12ff. Vgl. Die Bibel, Offenbarung, Kapitel 21, Verse 1-5.
87 Einsichten über die Heilige Schrift, Bd. 1: A-J, WTG, Selters/Ts. 1990, Begriff: Har-Magedon, S. 1059.
88 Zu den religiösen Unterschieden zwischen Zeugen Jehovas und den anderen christlichen Konfessionen, siehe: Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert, Selters/Ts. 1989, S. 13. Beispielsweise werden hier genannt: "Der Name Gottes ist Jehova", Dreieinigkeitslehre ist nicht biblisch fundiert,die Seele ist nicht unsterblich, "Auferstehung ist Hoffnung für die Toten", Blut darf weder als Nahrung noch zu medizinischen Zwecken verwendet werden, Interkonfessionalismus wird abgelehnt.
89 Vgl. Organisiert unseren Dienst durchführen, WTG, Selters/Ts. 1983.
90 Römer 13, Vers 1, Die Heilige Schrift, Brockhaus-Verlag, 1957. Vgl. Neue-Weltübersetzung der Heiligen Schrift, WTG, Selters/Ts. 1989: „Jede Seele sei den obrigkeitlichen Gewalten untertan, denn es gibt keine Gewalt außer durch Gott. Die bestehenden Gewalten stehen in ihren relativen Stellungen als von Gott angeordnet.“
91 Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit, zitiert aus: Joachim Perels, „Uns demgemäß verhalten“, erschienen in: Lutherische Monatshefte, 4/98, S. 27
92 Anerkennungsverfahren der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Deutschland, WTG, Selters/Ts 1997, Kapitel: Selbstdarstellung einer Religionsgemeinschaft, S. 115- 123, hier S. 116 f. Zwischen 1929 und 1962 vertraten Jehovas Zeugen die Sichtweise, daß die „obrigkeitlichen Gewalten“ sich direkt auf Gott und seinen Sohn und nicht auf die weltlichen Regierungen beziehen würden. Diese Lehrmeinung wurde 1962 korrigiert. Grundsätzlich war jedoch auch zwischen 1929 und 1962 die Einstellung der Zeugen Jehovas gegenüber dem Staat nicht anders als nach der korrigierten Auffassung. So heißt es in einer Ausgabe des „Wachtturm“ vom 1. Oktober 1950: „Soll ein Christ dem Gesetz des Landes, in dem er wohnt, gehorchen? Jawohl, es sei denn das Gesetz des Landes laufe dem Gesetze Gottes direkt zuwider.“ „Der Wachtturm“, vom 1.10.1950, Gehorsam gegen Gott oder Menschen?, S. 299.
93 „Jehovas Zeugen Menschen aus der Nachbarschaft. Wer sind sie?“ S. 16, WachtturmBibel- und Traktatgesellschaft, Selters/Ts. 1995.
94 „Der Wachtturm“, Die Ansicht des Christen über die obrigkeitlichen Gewalten, 1.11.1990, 10 ff. Siehe auch: „Unsere relative Unterordnung unter die obrigkeitlichen Gewalten“ Ebd., S. 23 ff.
95 „Unterredungen anhand der Schriften“, Wachtturm Bibel-und Traktatgesellschaft (Hrsg.), Selters /Ts. 1990, S. 315.
96 Vgl. Detlef Garbe, Zwischen Widerstand, a. a. O., „Kriegsdienstverweigerung durch Zeugen Jehovas“, S. 352 ff.
97 In einem Beobachtungsbericht über die Wahlverweigerung eine Zeugen Jehovas hieß es: Als ... [Name geschwärzt] von Wahlhelfern aufgefordert wurde, seiner Wahlpflicht nachzukommen, entgegnete er, daß in der DDR eine Demokratie besteht und wenn er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen will, so wird er freiwillig und von alleine gehen.“

BStU Berlin, MfS HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 8990, Bl. 269, Aktenvermerk im Beobachtungsbericht vom 11.9.1965 über Wahlverweigerung. Bei den Wahlen am 10. Oktober 1965 beteiligte sich die beobachtete Person wieder nicht an der Wahl. Darüber hieß es: „Dreimal wurden Wahlhelfer zu seiner Wohnung geschickt, die ihn nie zu Hause antrafen. Das gleiche trifft auf den Wohnungsnachbar von ...[Name geschwärzt] zu, der eng mit ... [Name geschwärzt] verkehrt.“ Ebd., Bl. 271. Die einfachste Methode war, am Wahltag nicht zu Hause zu sein, um den zwanghaften Aufforderungen, sich „demokatisch“ zu verhalten, aus dem Weg zu gehen. Die Nichtbeteiligung an den Wahlen hatte keine besonderen Konsequenzen. Das Wahlverhalten wurde in das ohnehin als „politisch-ideologische Diversion“ (PID) bezeichnete Verhalten der Zeugen Jehovas mit eingereiht und wurde bis zum Ende der DDR argwöhnisch beobachtet.

So wurden 1989 in einer „aktuellen Lageerscheinung“ als gesellschaftsfeindliche Praxis der Zeugen Jehovas unter anderem angeführt: „Kampf gegen die staatliche Bündnispolitik im Hinblick auf Christen, Behinderung, bzw. Verhinderung sozialistischer Bewußtseinsbildung schon bei Kindern und Jugendlichen, Kampf gegen die Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Verweigerung von Wehr- und Wehrersatzdienst, Kampf gegen die Teilnahme an Wahlen, Volksabstimmungen u. a. demokratischen Entscheidungen, Verleumdung des Friedenskampfes.“ BStU ASt Magdeburg, MfS Abt. XX/4, AKG 87, Bl. 199, „Aktuelle Lageerscheinungen des Wirksamwerdens innerer, feindlicher oppositioneller und anderer negativer Kräfte in personellen Zusammenschlüssen und Freizeitkonzentrationen im Verantwortungsbereich unter Beachtung der Lage im Bezirk Magdeburg“, Kreisdienststelle Oschersleben an die SEDKreisleitung vom 2. 8. 1989. Im selben Bericht heißt es: „Alle bekannten ‚Zeugen Jehova[s]‘ traten bei den Kommunalwahlen 1989 als Nichtwähler in Erscheinung.“ Ebd., Bl. 200. Allerdings wurden Zeugen Jehovas, die gewählt hatten, vom MfS besonders observiert. Als Anweisung galt: „Die Fachabteilungen der Bezirksverwaltungen sind orientiert, ‚ZJ‘, die an der Wahl teilnehmen, operativ in Erfahrung zu bringen und in geeigneter konspirativer Weise diese Feststellungen zur weiteren Forcierung des Zersetzungsprozesses auszuwerten.“ BStU Berlin, MfS HA XX/4, Archiv Nr. 951, Bl. 84, „Aus der Konspiration der Organisation ‚Zeugen Jehova[s]‘ (ZJ) zu den Wahlen am 08.06.1986“ vom 29. Mai 1986. Das MfS kannte die religiös Sichtweise der Zeugen Jehovas zu gut, als daß sie nicht gewußt hätten, daß die Teilnahme an Wahlen kein gruppenkonformes Verhalten darstellte, daß durch dieses Verhalten jemand zeigte, daß er nicht mehr ganz hinter den Anschauungen der Religionsgemeinschaft stand und womöglich bereit war, noch weiter zu gehen. Schließlich hatte das MfS mit dem Wissen um die Nichtbeteiligung auch ein Druckmittel in der Hand, da der Beteiligte sein Wahlverhalten der Gemeinschaft wahrscheinlich nicht offenbart hatte.

111 Vgl. Ulrich Mählert, „Die gesamte junge Generation für den Sozialismus begeistern“. Zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend, S. 73 ff., in: Jürgen Weber (Hrsg.), DER SED-STAAT: Neues über eine vergangene Diktatur, München 1994.
112 Geschichte der Deutschen Volkspolizei 1945-61, MdI (Hrsg.), S. 360, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1979. Vgl. B. Thoss (Hrsg.) Volksarmee schaffen - ohne Geschrei! Studien zu den Anfängen einer „verdeckten Aufrüstung“ in der SBZ/DDR 1947- 1952, München 1994. Vgl. Gerhard Wettig, Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschland-Politik 1945-1955, München 1999.
113 Hermann Weber: DDR Grundriß der Geschichte 1945-1990, S. 82 f., Hannover 1991. Vgl. D. Staritz, Geschichte der DDR 1949-1985, Frankfurt/M. 1985, Erw. Neuausgabe 1996.
114 Der Zeitzeuge Werner Geyer aus Ober-Ramstadt berichtete beispielsweise: „1952 sollte ich für die Kasernierte Volkspolizei geworben werden, was ich entschieden ablehnte. Zwei Wochen später - im September 1952 - wurde ich dann verhaftet und zur Stasi nach Leipzig- Leutsch gebracht.“ Bericht W. Geyer, wohnhaft in Ober-Ramstadt, vom 7. Juni 1998, der aufgrund seiner Tätigkeit als Zeuge Jehovas zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und 5 Jahre Haft verbüßte. Aufzeichnung im Besitz des Verfassers.
115 Im Gelöbnis der Bausoldaten hieß es :

ICH GELOBE
Der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und meine Kraft für die Erhöhung ihrer Verteidigungsbereitschaft einzusetzen.

ICH GELOBE:
Als Angehöriger der Baueinheiten durch gute Arbeitsleistung aktiv dazu beizutragen, daß die Nationale Volksarmee an der Seite der Sowjetarmee und den Armeen der mit uns verbündeten sozialistischen Länder den sozialistischen Staat gegen alle Feinde verteidigen und den Sieg erringen kann.

ICH GELOBE:
Ehrlich, tapfer, diszipliniert und wachsam zu sein, den Vorgesetzten unbedingt Gehorsam zu leisten, ihre Befehle mit aller Entschlossenheit zu erfüllen und die militärischen und staatlichen Geheimnisse immer streng zu wahren.

ICH GELOBE:
Gewissenhaft die zur Erfüllung meiner Aufgaben erforderlichen Kenntnisse zu erwerben, die gesetzlichen und militärischen Bestimmungen zu erfüllen und überall die Ehre unserer Republik und meiner Einheit zu wahren.

Gelöbnis entnommen aus: „Auf dem Weg zur gemeinsamen humanistischen Verantwortung. Eine Sammlung kirchenpolitischer Dokumente 1945 bis 1966 unter Berücksichtigung von Dokumenten aus dem Zeitraum 1933 bis 1945.“ Abdruck der Anordnung S. 417 ff., „Die Zusammenstellung dieses Bandes nahm ein Kollektiv vor, dem u. a. Dr. Horst Dohle, Dr. Klaus Drobisch, Dr. Eberhard Hüttner und Günter Wirth angehörten“, Union Verlag Berlin, 1967, vom 7. September 1964.

116 Diese Strafhöhe wird durch die Aussagen verschiedener Zeitzeugen belegt. So gab beispielsweise Wolfgang Wegner aus Schwerin, der mit 11 weiteren Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung im Jahre 1973 in Strafhaft kam, in einer schriftlichen Stellungnahme zu seiner Wehrdienstverweigerung zu Protokoll, daß die Haftstrafen zwischen 20 und 22 Monaten betrugen. „Bericht und Erfahrungen aus der Zeit der Inhaftierung von Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung 1973-1975 im Strafvollzug Bielkenhagen und Franzeshöhe Stralsund.“ Interview mit dem Kreisaufseher der Zeugen Jehovas, Frank Meerwald, vom 10. April 1998. Interview im Besitz des Verfassers. Im Protokoll eines inhaftierten Zeugen Jehovas aus dem Jahre 1968 heißt es, daß er vom Standpunkt des Gesetzes es durchaus einsah, daß eine Strafe erfolgen müsse.

Sein Standpunkt bliebe aber, daß man „Gott mehr gehorchen“ müsse als Menschen. Seine Strafhöhe wurde vom Militärgericht Halle auf 20 Monate festgelegt. BStU Berlin, HA XX/4, AVSV 185/70, Bd. I, Bl. 10 f. Interessant ist in dieser Akte zu lesen, daß verschiedene IM auf den Verurteilten angesetzt waren, um zu beobachten, ob er in Strafhaft versuchen würde, seinen Glauben weiterzuverbreiten. Bl. 5, 7, 8,44, 53, 54, 55.

Der Zeuge Jehovas Eckhard Albrecht aus Neubrandenburg erhielt 21 Monate Haft wegen Wehrdienstverweigerung. Er berichtete auch, daß im „Straflager Thale“, in dem er einsaß, „innerhalb einer Woche 28 Brüder“ ihre Gefängnishaft antraten. Auf Grund einer Amnestie vom Oktober 1972 wurde er bereits nach 9 Monaten Haft entlassen. Eckhard Albrecht, „Gefängnisstrafe wegen Wehrdienstverweigerung“, Interview mit dem Kreisaufseher der Zeugen Jehovas, Frank Meerwald, vom 22. Mai 1998. Interview im Besitz des Verfassers. Der Zeuge Jehovas Helmut Peters aus Neubrandenburg, der schon vor seinem Entschluß, ein Zeuge Jehovas zu werden, seinen Wehrdienst ableistete, sollte im Jahre 1970 zum Reservistendienst eingezogen werden. Da er sich weigerte, den achtwöchigen Reservistendienst zu verrichten und ebenso den Bausoldatendienst ablehnte, erhielt er 8 Monate Haft. Helmut Peters, Gefängnisstrafe wegen Verweigerung des Reservistendienstes, Interview mit dem Kreisaufseher der Zeugen Jehovas, Frank Meerwald, vom 27. Mai 1998. Interview im Besitz des Verfassers.

117 Jahrbuch der ZJ 1963, WTG, Wiesbaden 1963, S. 296.
118 Gabriele Yonan, Jehovas Zeugen Opfer unter zwei deutschen Diktaturen 1933-1945 1949-1989, Berlin 1999, 1. Auflage, 1999, S. 95 f.
119 BStU Berlin, HA XX/4, Nr. 932, Bl. 46, „Begründung der Veröffentlichung eines Buches gegen die aktive feindliche Tätigkeit der Sekte ‚Zeugen Jehovas‘ in der DDR“, 7.11.1968.
120 Bernd Eisenfeld, Kriegsdienstverweigerung in der DDR - ein Friedensdienst? Genesis, Befragung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/M. 1978, S. 72.
121 „BStU Berlin,HA XX/4, Archiv-Nr. 3118, Bl. 1, Einberufung 1984 vom 19.6.1984.
122 Ebd., Bl. 3, „Information an den Gen. Staatssekretär“ vom 3.7.1984.
123 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 667, Bl. 187, „Information an den Staatssekretär vom 1.6.1984
124 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 3118, Bl. 1, „Einberufung 1984“ vom 19.6.1984.
125 Eisenfeld nennt die Zahl von neun Zeugen Jehovas, die in den ersten Durchgängen in den 60er Jahren den Bausoldatendienst durchführten. Dies entspreche 2% der Gesamtzahl der einberufenen Zeugen Jehovas. Vgl Bernd Eisenfeld, Kriegsdienstverweigerung in der DDR - ein Friedensdienst? Genesis, Befragung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/M., 1978.
126 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 667, Bl. 226, „‘Zeugen Jehova[s]‘ die im StVE der DDR z. Z. inhaftiert sind“ vom 1.10.1985.
127 BStU Berlin,HA XX/4, Archiv-Nr. 3118, Bl. 9 ff., „Abt. II Zum Wehrdienst- Ersatzdienstverweigerung“ vom 6.12.1985. BStU ASt Schwerin, MfS Archiv-Nr. 16, Bl. 4.

Vgl. Hans-Hermann Dirksen, „Keine Gnade den Feinden der Republik“. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR 1945-1990, S. 749 ff., Dirksen geht hier recht ausführlich auf die Strafverfolgung wegen Wehrdienstverweigerung bei Zeugen Jehovas ein.