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III. 2. 8. Aufgaben und Ziele der MfS-"Zersetzungsarbeit"

Die Aufgaben und Ziele des MfS konzentrierten sich im besonderen auf folgende Punkte, die die "Zersetzungsarbeit" gegen die Zeugen Jehovas dominierten:

  1. Verhinderung der Öffentlichkeitswirksamkeit der Glaubensgemeinschaft durch die Durchsetzung des Verbots des Missionsdienstes und des Abhaltens von Bibelstudiengruppen.
  2. Kenntlichmachung besonders der "Funktionäre", Kuriere und der Organisationsstruktur, sowohl in der DDR als auch in der BRD.
  3. Kenntlichmachung aller Zeugen Jehovas in der DDR und auch der Teilnehmer (Interessierten) der von Jehovas Zeugen durchgeführten Bibelstudienkurse.
  4. Eindringen in die Konspiration der Zeugen Jehovas durch Observierung, Befragung und dem Einsatz von IM.
  5. Werbung von Zeugen Jehovas als IM.
  6. Verhinderung der Einschleusung der religiösen Literatur der Zeugen Jehovas.
  7. Ausfindigmachung und Konfiszierung der schon im Land befindlichen Literatur, besonders der Literaturdepots und der Vervielfältigungsgeräte.
  8. [Seite 163 (in der gedruckten Ausgabe )]

  9. Finanzielle Bestrafung und Disziplinierung durch hohe Ordnungsstrafverfügungen und Beschlagnahmung gefundener Spendengelder.
  10. "Zersetzungsmaßnahmen" durch künstlich geschaffene und gesteuerte Opposition in Form der "Christlichen Verantwortung" (CV).
  11. Informationskampagnen durch das MfS-Organ "Christliche Verantwortung" in den Kirchen und Religionsgemeinschaften.
  12. Weltweite Zusammenarbeit mit ebenfalls von Geheimdiensten gesteuerten Anti-Kult-Gruppen (z. B. Polen) sowie Nutzung und Beeinflussung tatsächlicher Opposition.
  13. Manipulierte Gegenarbeit mit Splittergruppen der Zeugen Jehovas, wie z. B. der "Allgemeinen Bibellehrvereinigung" (ABL) oder der "Freien Christengemeinde" (FC).

 

Neben den Operativvorgängen [OV] auf Landesebene, für die die HA XX/4 verantwortlich war, wurden auf Bezirks- und Kreisebene ebenfalls zahlreiche Operativvorgänge bearbeitet. So wurde von der Kreisdienststelle Bad Doberan im Jahre 1974 "ein voller Erfolg" gemeldet. Dort konnten aufgrund des OV "Zeuge" bei einem Gebietsdiener durch Observierung und IM-Berichte am 9. September 1974 zahlreiche Literatur, einige Vervielfältigungsgeräte, Berichte aus 22 Bibelstudiengruppen, neueste Anweisungen aus der Zentrale in Wiesbaden und Spendengelder konfisziert werden.410 Beteiligt an dieser Aktion war ein IM, der sich nach zweijährigem Bibelkursus den Zeugen Jehovas angeschlossen hatte und in das geheime Literaturdepot eingeweiht worden war. Den Abschluß der Aktion bildeten Ordnungsstrafverfügungen gegen mehrere Personen, die durch den Stellvertreter des Inneren des Kreises Bad Doberan verfügt wurden. Dem Abschluß der Aktion war eine "gründliche Beratung" mit dem Kreisstaatsanwalt, dem Stellvertreter des Vorsitzenden für Inneres des Kreises und MfS-Offizieren vorausgegangen. Hierbei wurden die [Seite 164 (in der gedruckten Ausgabe )] "entschädigungslose Einziehung" der beschlagnahmten Gegenstände und die vorher abgesprochenen Ordnungsstrafen" festgelegt.411 In diesem Fall wurde ein fingiertes Ermittlungsverfahren genutzt, um eine legale Hausdurchsuchung durchführen zu können. Eine Anzeige wegen Diebstahls gegen "Unbekannt" vom Betrieb des Observierten wurde hierbei genutzt. Natürlich wurde kein Diebesgut bei der Hausdurchsuchung gefunden. Aber man fand "zufällig" Literatur der Zeugen Jehovas. Dieser angebliche "Zufallsfund" schützte die eingesetzten IM, da die Durchsuchung ja aus erklärbaren Gründen erfolgte.412 Trotz des Erfolges mußte das MfS immer wieder die Feststellung machen, daß die Erfolge nicht von langer Dauer waren. So wurde in der Einschätzung der Aktion schon am 5. Dezember 1974 festgestellt:

"Inzwischen hat sich die Arbeit in den einzelnen Studiengruppen wieder weitgehend stabilisiert. Auch das Studienmaterial (Wachtturm und Erwachet), im Original oder fotokopiert, ist wieder ausreichend vorhanden. Die eingesetzten IM konnten feststellen, daß die ZJ in Auswirkung der Aktion bemüht sind, ihre Konspiration zu erhöhen. [...] Die gegenwärtigen Aktivitäten der 'Zeugen Jehovas' zeigen, daß die Funktionäre der Sekte den gegen sie geführten Schlag im Kreisgebiet relativ schnell überwunden und praktische Schlußfolgerungen, die sich in einer Erhöhung ihrer Wachsamkeit ausdrücken, gezogen haben. Diese Reaktionen der ZJ ziehen vor allem negative Auswirkungen in Bezug auf die komplizierter werdende IM-Arbeit in diesem Bereich nach sich."413

Die Schlußfolgerung war, man müsse noch aktiver werden, die Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Stellen, gesellschaftlichen Kräften, Parteiorganisationen und Betriebsleitungen in den Betrieben, in denen "positiv zu beeinflussende ZJ-Mitglieder arbeiten", intensivieren. Besonderes Augenmerk sollte auch auf jugendliche [Seite 164 (in der gedruckten Ausgabe )] Zeugen Jehovas gelegt werden sowie auf solche, die noch nicht lange Zeit Zeugen Jehovas waren, um hier besonders an "einer ideologischen Umkehr" mit dem Ziel des Aufbaus einer "progressiven ZJ-Gruppe" zu arbeiten und diese "auf CV (Christliche Verantwortung) zu orientieren".414

Anhand der durchgeführten operativen Vorgänge und mit weiterem Material wurden Informationsveranstaltungen und Ausstellungen für MfS-Offiziere durchgeführt. So hieß eine 1975 in Rostock durchgeführte Veranstaltung: "Die Zurückdrängung der WTG [Wachtturm-Gesellschaft] - Aufgabe aller Partei-, Staats- und Sicherheitsorgane."415

Bei dieser Ausstellung wurden konfiszierte Materialien vorgestellt und über Geschichte und Vorgehensweise der Zeugen Jehovas in der DDR referiert. Die WTG wurde als ein "Instrument des Klassengegners" dargestellt. Die "Zersetzungsarbeit" wäre die effektivste Methode, gegen die Zeugen Jehovas vorzugehen. Die "operative Arbeit" wäre die Grundlage dieses Vorgehens. Das Erstaunliche war, daß auf dieser Schulung bei der Zusammenfassung gesagt wurde, daß trotz einiger besonderer Erfolge, wie in Bad Doberan und Grimmen, in den anderen Kreisen des Bezirks "von einem relativ niedrigen Stand in der Bekämpfung der WTG" auszugehen sei.416 Erstaunlich war auch, daß sich das Bild des MfS über die WTG in keiner Weise verändert hatte. Die WTG wurde immer noch als Verbündete des amerikanischen und internationalen Großkapitals dargestellt, deren Interessen sie vertrete. Daran sollte sich bis zum Ende der DDR nichts ändern.417 Noch 1986 war ein Auskunftsbüro in Aachen/BRD unter [Seite 166 (in der gedruckten Ausgabe )] einer Legende eingeschaltet worden, um die Zentrale in Brooklyn/New York bezüglich der wirtschaftlichen Geschäftsmethoden auszukundschaften. Das Ergebnis erbrachte lediglich die Bestätigung, daß es sich um eine "Gemeinnützige Gesellschaft" handeln würde und daß die verantwortlichen Männer der WTG, Frederick W. Franz (Präsident), M. H. Larson (Vizepräsident), L. A. Swingle (Sekretär und Schatzmeister) und L. K. Greenlees (Assistent Finanzen) "in geschäftlicher und privater Hinsicht eine günstige Beurteilung" erhielten.418 Auskunftsberichte wurden über alle führenden Männer in der Zentrale in Selters/T. erstellt.419

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410 BStU Berlin, MfS HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 1029, Bl. 2 ff., Kreisdienststelle Bad Doberan, "Einschätzung des Ablaufs und der Ergebnisse der am 9.9.1974 im Stadtgebiet Bad Doberan durchgeführten Zersetzungsaktion gegen die in der DDR verbotene Sekte 'Zeugen Jehovas'" vom 5.12.1974.
411 Ebd., Bl. 6.
412 Mußten keine IM vor Dekonspiration geschützt werden, wurden Hausdurchsuchungen wegen des Verdachts der Herstellung und Verbreitung von "Schund- und Schmutzliteratur nach § 146 StGB" vorgenommen. Dies war bei den "Zersetzungsmaßnahmen" in Grimmen der Fall. Ebd., Bl. 46 ff., "Zersetzungsmaßnahmen - ZJ - KD Grimmen".
413 BStU Berlin, MfS HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 1029, Bl. 8 f., Kreisdienststelle Bad Doberan, "Einschätzung des Ablaufs und der Ergebnisse der am 9.9.1974 im Stadtgebiet Bad Doberan durchgeführten Zersetzungsaktion gegen die in der DDR verbotene Sekte 'Zeugen Jehovas'" vom 5.12.1974.
414 Ebd., Bl. 10 f.
415 Ebd. Bl. 20, "Dokumentation über die Ergebnisse der Bekämpfung der WTG im Bezirk Rostock."
416 Ebd., Bl. 40.
417 Noch in einer 1988 an der Humboldt-Universität in Ostberlin erstellten Dissertation wurde behauptet, daß die "Propaganda und die Aktivitäten" der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas sich politisch "zunehmend in Strategien US-amerikanischer Außenpolitik" einordne. Schon im Jahre 1933 wäre "ein Bekenntnis zur faschistischen Religions- und Kirchenpolitik" abgelegt worden. Zudem hätte die "totale Vereinnahmung durch die WTG" bei den Anhängern eine "soziale Deformation zur Folge". Die Autoren hatten in ihrer Dissertation lediglich die bestehenden Vorurteile kopiert und als wissenschaftliches Ergebnis in ihre Arbeit aufgenommen. Dieter Münz / Harald Wachowitz, Theoretische und praktische Schlußfolgerungen der empirischen Untersuchungen der Beziehungen von Kirchen und Religionsgemeinschaften in der DDR zur sozialistischen Gesellschaft, Berlin, Humboldt-Universität, Dissertation 1988, S. 312-317. Wie schnell solche Urteile revidiert werden können, konnte man in einer Information der Rechtsabteilung des Innenministeriums vom Januar 1990 lesen, bei der der Minister für Innere Angelegenheiten, Lothar Ahrendt, angefragt hatte, um Informationen über das bestehende Verbot bei Jehovas Zeugen zu erhalten. Statt eine "soziale Deformation" festzustellen, wurde hier davon gesprochen, daß "die Anhänger der Zeugen Jehovas ehrliche, fleißige und pflichtbewußte Bürger in unserer Gesellschaft" wären. BArch Berlin, DO 4, 1546, Abt. Rechtsfragen an den Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats für Kirchenfragen, Herrn Lothar de Maizierè, vom 15.1.1990.
418 BStU Berlin, MfS HA XX/4, Archiv-Nr. 951, Bl. 171 f., Auskunft über WTG, vom 14.1.1986.
419 Vgl. Auskunftsbericht über W. Pohl (Zweigkomitee [der Zeugen Jehovas] BRD), BStU Berlin, MfS XX/4, Archiv-Nr, 79, Bl. 18 f. Vgl. Ted Jaracz (Glied der leitenden Körperschaft [der Zeugen Jehovas], Brooklyn). Ebd. Bl. 20.